Jura und Unternehmertum im Legal-Tech-Zeitalter

Dr. Benedikt M. Quarch

»Es erben sich Gesetz’ und Rechte/Wie eine ew’ge Krankheit fort«, ließ der Jurist Goethe seinen Mephisto in Faust formulieren. Nicht nur ist diese Erkenntnis Teil der Weltliteratur geworden, in ihr steckt auch ein Stück Wahrheit.

Die juristische Arbeitsweise hat sich nämlich, so scheint es auf den ersten Blick, in den letzten Jahrhunderten kaum gewandelt: Normen sind und waren auszulegen; Rechtsstreitigkeiten sind und waren mit Hilfe von Anwaltschaft und Justiz zu lösen.

Doch auch der alte Goethe konnte die umwälzenden, disruptiven Entwicklungen der Digitalisierung nicht vorhersehen, die inzwischen auch die Juristerei erfasst haben und dabei sind, diese grundlegend zu ändern. »Legal Tech« – also die Digitalisierung des Rechts – ist inzwischen in aller Munde.

Jura studieren lohnt sich gerade jetzt

Eines ist insofern klar: Gerade in diesen Zeiten lohnt es sich (wieder) Jura zu studieren, denn spannender könnten die Zukunftsperspektiven kaum sein. Dessen war ich mir kaum bewusst, als ich 2011 mein Studium an der EBS Universität in Wiesbaden aufnahm.

Nach einem Auslandssemester in Montréal, dem (immer noch) obligatorischen Repetitorium und dem Ersten Staatsexamen stieß ich während meiner Promotionszeit eher zufällig auf die digitalen Lösungsmöglichkeiten juristischer Problemstellungen.

Juristische Hilfestellung bieten

Ausgehend von eigenen negativen Erfahrungen, fing ich an mit zwei Schul- und Studienfreunden, die beide keine Juristen sind, systematisch und bald auch automatisch Fluggesellschaften auf die Rückzahlung von Steuern und Gebühren zu verklagen, die – was viele nicht wissen – immer zu erstatten sind, wenn der Passagier einen Flug nicht antritt.

Dabei stellten wir uns zuallererst die Frage, wie wir dem Passagier, der sich seines Rechtsanspruchs allzu häufig leider gar nicht bewusst ist, am besten helfen können. Wir entschieden uns auf Basis der Rückmeldungen unserer ersten Kunden für das sog. »Consumer Claims Purchasing«.

Dabei kaufen wir den Verbrauchern ihre Ansprüche ab und zahlen ihnen sofort das fällige Geld aus, abzüglich unserer Provision. Doch woher das dafür notwendige Geld nehmen? Wiederum über Zufälle lernten wir zwei Business Angels kennen, die uns mit erstem Kapital ausstatteten, um den Kunden ihr Geld auszuzahlen und unsere technische Infrastruktur aufzubauen. Der erste Schritt war damit gemacht, viele weitere Schritte sollten folgen.

Abdeckung verschiedener Rechtsgebiete

Inzwischen haben wir zwei weitere Finanzierungen mit Venture Capital-Investoren abgeschlossen, beschäftigen bei RightNow gut 30 Mitarbeiter mit Büros in Düsseldorf, Kiew und Málaga, helfen jedes Jahr Hunderttausenden, ihr Recht einfach durchzusetzen (nämlich indem sie sofort ihr Geld von uns bekommen) und decken dabei Rechtsgebiete vom Reiserecht über das Verkehrsrecht bis zum Mietrecht ab. Bei alledem sind wir keine Anwaltskanzlei, sondern ein Legal-Tech-Unternehmen.

Motivation finden und Spaß haben

Sobald dies so manchem meiner Gesprächspartner klar wird, höre ich oft die Frage: »Und wann machst du dann mal was Richtiges?« Nun, was ist denn »was Richtiges«, entgegne ich dann regelmäßig. Die Erkenntnis: Häufig spukt wohl der alte Goethe noch in den Köpfen rum, gedacht wird an die klassischen juristischen Tätigkeitsfelder, die – nur um das klarzustellen – sehr spannend und reizvoll sind.

Doch ab und an lohnt es sich, neben den ausgetretenen Pfaden zu gehen. Bei mir war das wohl in zweierlei Hinsicht der Fall: Zum einen ist die Tätigkeit im Legal-Tech-Bereich immer noch die Ausnahme und nicht die Regel – und das obwohl Deutschland in dieser Branche in puncto Innovation und Start-Up-Landschaft endlich mal ganz vorne mit dabei ist.

Neue Ideen durch Legal Tech

Deswegen kann ich nur jeden ermuntern, sich intensiv mit der Digitalisierung des Rechts auseinanderzusetzen und neue Ideen zu entwickeln. Zum anderen habe ich meine Leidenschaft gefunden: Juristischer Unternehmer zu sein und mich dabei unternehmerisch mit spannenden rechtlichen Fragen zu beschäftigen. Eine dieser Fragen brachte uns im Schnittfeld von AGB-Recht und internationalem Privatrecht vor den Europäischen Gerichtshof.

Unternehmerisch zu agieren, ist faszinierend und macht wirklich Spaß. Natürlich gab es auch viele Rückschläge. Ich denke an die Insolvenz von AirBerlin, die uns als jungem Unternehmen viel Geld gekostet hat, an Urteile des Bundesgerichtshofs, die nicht nur in unserem Sinne waren und vieles mehr.

Aber das Positive überwiegt deutlich: Jeden Tag etwas unmittelbar und ganz konkret bewegen zu können, erfüllt das Leben. Und das ist es doch, worauf es letztlich ankommt – ob das nun »was Richtiges« ist oder nicht. Mein aktueller Weg dorthin liegt neben den ausgetretenen Pfaden. Das ist bestimmt nicht für jeden das Richtige.

Legal Tech ist nicht mehr wegzudenken

Werben möchte ich aber für drei Dinge: Erstens, Legal Tech ist ernst zu nehmen und sollte viel mehr in den Vordergrund gerückt werden – in der Ausbildung und im Beruf. Zweitens, Deutschland braucht mehr Unternehmer – auch und gerade Juristen sollten das im Kopf behalten. Und drittens sollte jeder für sich selbst herausfinden, was ihn erfüllt. Den Weg dahin sollte man dann gehen. So wird aus der »ew’gen Krankheit« dann hoffentlich auch eine »ew’ge Freude«.

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