Realitäts-Check Karriereplanung: Wechsel von der Kanzlei ins Unternehmen

von David Schwab ist Inhouse-Berater bei Schollmeyer & Steidl Legal

Der Wechsel von der Kanzlei- in die Unternehmenswelt ist nach wie vor die klassische Option für Rechtsanwälte (m/w). Dieser Beitrag soll einen ersten Eindruck hinsichtlich der Möglichkeiten aufzeigen und auf die Vorzüge einer realistischen, vorrausschauenden Planung hinweisen. Denn oftmals stehen Anspruch und Wunsch nicht mit der Marktsituation im Einklang. Nur wer sich seiner Ausgangslage bewusst ist, kann frühzeitig die richtige Weichenstellung für seine berufliche und persönliche Zukunft treffen.

Der Inhouse-Bereich bietet eine Vielfalt an Möglichkeiten für Juristen: Die Bandbreite möglicher Einsatzfelder reicht dabei von der klassischen juristischen Tätigkeit über die interdisziplinäre Zusammenarbeit im Unternehmen bis hin zur Führung und (Mit-)Gestaltung des Unternehmensgeschäfts. So unterschiedlich die jeweiligen Branchen und Unternehmenskulturen sind, so fließend sind natürlich auch die Übergänge zwischen den zuvor skizzierten Bereichen.

Für viele Juristen ist die Arbeit für ein Unternehmen reizvoll. Oftmals steht der Wunsch im Vordergrund, sich auf nur einen Mandanten – das Unternehmen – zu konzentrieren und Prozesse von Anfang bis Ende begleiten zu können. Ferner die Auswirkungen der getroffenen Entscheidungen selbst und nicht bloß aus der Distanz, als externer Berater, miterleben zu dürfen. Zu guter Letzt lockt oftmals die Option nicht dauerhaft bloß „kernjuristisch“ tätig zu sein, sondern sich bei Gelegenheit innerhalb des Unternehmens oder Konzerns weiterentwickeln zu können – etwa langfristig in das operative Management.

Betrachtet man nunmehr isoliert die Konstellation eines Associates bzw. angestellten Rechtsanwalts (m/w), sollte die Karriere erst recht vorausschauend geplant werden. Die Rückkehr in die Kanzleiwelt ist umso schwieriger, je länger sie verlassen wurde. Nach ein bis zwei Jahren erscheint dies mit einigem Argumentationsaufwand noch möglich – später würde es seltene spezifische Branchenkenntnisse oder portablen Umsatz voraussetzen.

Der Inhouse-Wechsel ist aber eine sehr gute Option – zumal nicht jeder Partner werden kann oder will. Da dies aber auch potentiellen Arbeitgebern auf der Unternehmensseite bekannt ist, sollte der Zeitpunkt eines Wechsels wohl überlegt sein. Ein Plus an Berufserfahrung hilft nicht immer. Wer zu lange mit einem Wechsel wartet und auf die vermeintliche Partnerschaft setzt, begibt sich in Gefahr, nicht die Position zu bekommen, die er ggf. mit ein bis zwei Jahren weniger Berufserfahrung erhalten hätte. Schließlich könnte der Eindruck entstehen, dass die Inhouse-Karriere nur der „Plan B“ sei, weil es für die Partnerschaft nicht reicht.

Das erste klassische Wechselfenster öffnet sich mit „erster Berufserfahrung“, d. h., in der Regel frühestens nach circa zwei Jahren. Ein echtes Asset ist dabei die Ausbildung in einer international tätigen Kanzlei. Diese genießt weiterhin einen sehr hohen Stellenwert. Dort wird nicht nur das juristische Handwerk, sondern auch der Umgang mit Mandanten gelernt. Außerdem bekommt man einen ersten Einblick in die Strukturen und rechtlichen Herausforderungen der Mandanten – und dies sind meistens Unternehmen. Aber auch die Arbeit in einer mittelständischen Kanzlei kann – je nach Rechtsgebiet und konkreter Tätigkeit – erhebliche Vorteile mit sich bringen. Für Unternehmen ist eine besondere Praxisnähe regelmäßig entscheidend. Nimmt man das Arbeitsrecht als Beispiel, so ist es naheliegend, dass derjenige Bewerber, der aus der Zusammenarbeit mit den Mitbestimmungsgremien verhandlungs- und konflikterfahren ist, vorzugswürdiger erscheint als derjenige, der ausschließlich im back-office arbeitsrechtliche Gutachten am „juristischen Hochreck“ verfasst.

Nicht unerwähnt bleiben darf, dass der Wechsel von der Kanzlei- in die Unternehmenswelt oft mit einer finanziellen Einbuße einhergeht. Statt in barer Münze zahlt sich der Wechsel von der Kanzlei- in die Unternehmenswelt für viele Kandidaten jedoch insofern aus, als Faktoren wie eine bessere Work-Life-Balance sowie Planbarkeit im Vordergrund stehen. Der Wechsel in ein Unternehmen muss kein finanzieller Rückschritt sein. Er kann vielmehr auch ein echter Karriereschritt nach vorne sein. Dies gilt umso mehr im „zweiten Wechselfenster“, d. h., nach rund fünf bis sieben Jahren Berufserfahrung. Für diese Kandidaten können im Idealfall auch schon „gehobenere“ Positionen (z. B. als senior legal counsel oder solche mit Führungsverantwortung für ein kleine (Unter)Abteilung) in Frage kommen – diese sind natürlich entsprechend gut vergütet.

Eine Karrierestrategie ist sinnvoll. Zunächst sollten Ziele und Meilensteine definiert werden: Was will man erreichen? Welche Zwischenschritte sind möglich oder erforderlich? Die Ausgangslage – nicht jeder Associate kann Partner werden – ist auf den Inhouse-Bereich übertragbar: Nicht jeder kann Leiter/in Recht oder General Counsel eines Unternehmens werden.

Empfehlenswert sind vor allem zwei Dinge: Zum einen die Möglichkeit eines Secondment zu nutzen, um so herauszufinden, ob Inhouse grundsätzlich eine Option ist und gefällt. Außerdem kann man somit erste Unternehmenserfahrung vorweisen – die gerade im zweiten Wechselfenster immer unerlässlicher wird. Zum anderen hilft eine objektive Karriereberatung.

Quelle BECK Stellenmarkt 2/2017